Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 45 fis-Moll Hob. I:45 «Abschiedssinfonie»

«Mitten im Feuer einer die Leidenschaften schildernden Musik, endiget eine Stimme; der Spieler legt ohne Geräusch die Noten zusammen, nimmt sein Instrument, löschet die Lichter aus, und geht weg. Bald nachher endiget eine zweyte Stimme; der Spieler macht es wie der vorhergehende, und entfernet sich. Nun endiget eine dritte; eine vierte Stimme; alle löschen die Lichter aus, und tragen die Instrumente mit sich fort. […] Der Fürst, und alle anwesenden Personen schweigen verwunderungsvoll» – so schildert Joseph Haydns Biograph Albert Christoph Dies die Situation, die sich während der berühmten «Pantomime» im Finalsatz der Sinfonie Nr. 45 bei der Uraufführung in der Sommerresidenz des Fürsten Nikolaus I. Esterházy 1772 zugetragen hatte. 

Ein musikalischer Rat

Die Entstehung der «Abschiedssinfonie», wie das Werk später genannt wurde, geht laut Haydns Zeitgenossen Georg August Griesinger auf den vom Fürsten spontan verlängerten Aufenthalt in dessen Schloss Esterházy zurück. Dies geschah zum Leid seiner von Heimweh geplagten musikalischen Gefolgsleute, die ihre Familien in Eisenstadt vermissten: «die zärtlichen Eheleute […], wandten sich an Haydn, und baten ihn, Rath zu schaffen». Haydns Sinfonie, bei der sich nach allmählichem Verstummen der Instrumente am Ende nur noch zwei Violinen gegenübersitzen, hat beim Fürsten wohl die richtigen Töne angeschlagen: bereits am Tag nach der Uraufführung soll der Befehl zum Aufbruch erfolgt sein. 

  

Ein «gewitzter Einfall» oder «gar nicht zum Lachen»?

Später beurteilte man das Werk sowohl als «gewitzte[n] Einfall» Haydns als auch als musikalischen Ausdruck der Schwermut. Felix Mendelssohn sah in der Sinfonie «ein curios melancholisches Stückchen», Robert Schumann meinte, dass das Werk «gar nicht zum Lachen» war. Zur schwermütigen Gefühlswelt passt auch die Wahl der Grundtonart, denn zu Haydns Zeit galt fis-Moll in musiktheoretischen Schriften als «zu einer grossen Betrübnis» leitend, zusätzlich ist «dieselbe doch mehr languissant und verliebt als lethal». In die vier Sätze der Sinfonie setzt Haydn Modulationen in weit entfernte Tonarten und bricht gerade in den Ecksätzen mit den formalen Erwartungen an die Gattung in dieser Epoche. Der Kopfsatz mit thematischen Einwürfen an unerwarteter Stelle und dem zweiteiligen Finalsatz mit Presto- und Adagio-Teil gewichten die Form der Musik neu und unterstreichen den verliebten und schwermütigen Gestus der Komposition. Haydn, der schon zu seiner Zeit als «Gründer einer Epoche in der Kultur und Musik» galt, prägte mit solch innovativen Verfahren und über 100 Kompositionen in dieser Gattung die Geschichte der Sinfonie nachhaltig: «So brach er die Bahn, auf welcher dann sein würdiger Schüler Beethoven wie ein Riese fortwandelte», hiess es schon im frühen 19. Jahrhundert.