Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)
Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107

CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
Unter dem Druck der Diktatur
Dmitri Schostakowitsch war einer von zahlreichen Künstlerinnen und Komponistinnen, welche die Willkür der sozialistischen Diktatur unter Stalin hinnehmen mussten. In einem fortwährenden Prozess hatte auch er mit seiner Musik den Anforderungen der offiziellen Leitästhetik des ‹sozialistischen Realismus› zu entsprechen, um nicht als ‹formalistisch› abgestraft zu werden – und nicht um das eigene Leben fürchten zu müssen. Dabei legte er sich allerdings mutige kompositorische Strategien zurecht, dank denen sich seine Werke neben der regimetreuen Lesart auch als versteckte subversive Kommentare verstehen liessen und lassen.
Befreit aus der Schaffenskrise
In der Zeit des sogenannten ‹Tauwetters› nach dem Tod von Stalin, in der seine Verbrechen offen kritisiert wurden, atmeten viele vom Regime gebeutelte Kunstschaffende auf. So auch Schostakowitsch, der schon in seiner Ende 1953 uraufgeführten 10. Sinfonie ein sarkastisches Porträt des kein halbes Jahr vorher verstorbenen Stalin schuf, in dem er mit dem Tyrann abrechnete. Eine ähnliche, freilich weniger drastische ‹Doppelbödigkeit› äussert sich im Cellokonzert Nr. 1, mit dem sich Schostakowitsch auch aus einer persönlichen Schaffenskrise befreite. Als eröffnendes Motiv wählte er eine freie Variante des Motivs aus seinen Initialen D-eS-C-H, auf das er auch in anderen Werken (wie der 10. Sinfonie) zurückgriff, um einen autobiographischen Bezug herzustellen. Wie sich dieses Motiv gleich zu Beginn ‹festbeisst›, könnte möglicherweise ein Kommentar auf die Zwänge der (überwundenen) Kulturideologie sein. Dass Schostakowitsch im letzten Satz das einfache Lieblingslied «Suliko» von Stalin zitierte, liesse sich als ein weiteres Indiz für die zynische Abrechnung mit dessen Ära werten. Auf dieses versteckte Zitat machte Schostakowitsch den Cellisten, für den das Konzert entstanden ist, Mstislaw Rostropowitsch, explizit aufmerksam, was nahelegt, dass ihm die politische Interpretation wichtig war. Man kann schliesslich gar so weit gehen, den Dialog des Cellos mit dem prominent auftretenden Solo-Horn als ‹Streitgespräch› zwischen Schostakowitsch und Stalin zu sehen.
Text: Lion Gallusser