Edvard Grieg (1843–1907)

Zwei nordische Weisen für Streichorchester op. 63

Eilif Peterssen: Portrait of the Composer Edvard Grieg, 1891.
Quelle: Wikimedia Commons, National Museum of Art, Architecture and Design, Oslo.
Public Domain.
Edvard Grieg gilt als der bedeutendste norwegische Komponist. Sein bekanntestes Werk «Peer Gynt» bzw. die daraus von ihn erstellten Suiten, brachten ihm nicht nur den Ruf eines Nationalkomponisten ein, sondern machte ihn auch weltberühmt. Die Melodien daraus zählen heute zu den Evergreens, die in Filmen und Werbungen zum Einsatz kommen.

«Im Volkston»

Der Kassenschlager «Peer Gynt» bildet dabei allerdings eine Ausnahme im Werke Griegs: denn eigentlich schrieb Grieg eher kammermusikalische Stücke als grosse, monumentale Werke. Inspiration fand er dabei in der Volksmusik seiner Heimat. Dieser Einfluss ist auch in seinen «Zwei nordischen Weisen» für Streichorchester op. 63 deutlich zu erkennen. Wobei dies jedoch nicht bedeutet, dass Grieg die norwegische Volksmusik immer direkt zitierte. Schon die Bezeichnung des ersten Satzes, «Im Volkston», verrät uns, dass es sich dabei nicht um die Bearbeitung eines traditionellen Stücks handelt, sondern um eine Komposition im Stil der Volksmusik. Tatsächlich zitierte Grieg hier nämlich kein Volkslied, sondern ein Werk des Diplomaten und Amateurmusikers Fredrik Due (1853–1906). 1894 hatte dieser eine Sammlung von Stücken an Grieg gesandt. Anscheinend war Grieg von einer besonders bewegenden, 16-taktigen Melodie so angetan, dass er sie in ein eigenes Werk verwandelte. Bei der Uraufführung am 12. Oktober 1895 trug die damals noch eigenständige Komposition daher den Namen «Legende für Streichorchester über eine Melodie von Fr. Due». Und auch wenn der Bezug aus der Satzbezeichnung nun nicht mehr herauszulesen ist, zieren folgende Worte zu den «Nordischen Weisen» noch heute die Noten: «Seiner Excellenz Herrn Fr. Due k. norwegisch-schwedischer Botschafter in Paris gewidmet».

«Kuhreigen und Bauerntanz»

Der zweite Satz, «Kuhreigen und Bauerntanz», basiert hingegen auf zwei «echten» Volksmelodien, die Grieg aus der Sammlung «Ältere und neuere Norwegische Bergmelodien» des norwegischen Komponisten, Organisten und Volksmelodien-Forschers Ludvig Mathias Lindemann (1812–1887) entnahm. Einige dieser Musiken hatte Grieg schon Jahrzehnte zuvor zu Klavierwerken verarbeitet, die europaweit zu Verkaufsschlagern geworden waren. Nun bediente er sich erneut zweier Stücke aus der Sammlung, nämlich der Nummern 22 («Lockruf – Kuhreigen aus Valdres») und 18 («Humoristischer Tanz»). Grieg gelang es eine Klangwelt aufzubauen, die norwegische Landschaften vor dem inneren Auge entstehen lässt und damals wie heute niemanden zweifeln lassen, weshalb er als «der» norwegische Komponist gilt.

Text: Franziska Gallusser