György Ligeti (1923–2006)

«Ramifications» für 12 Solostreicher

Marcel Antonisse (Anefo): György Ligeti, 1984.
CC BY-SA 3.0 NL, via Wikimedia Commons.

«Dekadente Kunst»

Der ungarische Komponist György Ligeti bezeichnete seine Komposition für zwölf Solostreichinstrumente «Ramifications» selbst als «dekadente Kunst». Das Werk entstand in Gedenken an Natalie und Serge Koussevitzky und kann als eine Verschmelzung und Kombination von Ligetis Kompositionstechniken der 60er-Jahre betrachtet werden. Zu Beginn des Jahrzehnts hatte sich Ligeti mit sogenannten Netzgebilden und Clustertechniken beschäftigt. Dabei beginnt Musik, die am Anfang scheinbar unbeweglich bleibt, sich intern allmählich zu verschieben und zu verändern. Ein klassisches Beispiel dafür ist eines seiner berühmtesten Werke «Atmosphères». Bekannt aus Stanley Kubricks Film «2001: A Space Odyssey» bewegen sich die Stimmen in Clustern an- und abschwellend, ohne sich räumlich oder klanglich zu verändern.

Verzweigungen

In «Ramifications» sind diese Gewebe noch vorhanden, jedoch bedeutend bewegter und durchbrochener als in den dichten Klangteppichen der vorangegangenen Kompositionen. Die statischen Cluster sind noch zu hören, doch die Streicherstimmen sind in sich bewegt, verästeln sich und tauchen an verschiedenen Orten als Melodien an die Oberfläche. Diese dabei entstehenden Bündel lösen sich wieder auf, verzweigen sich neu und bilden an neuen Orten neue Bündel. Man kann sich vorstellen, wie sich verzerrende Spiegel bis ins Unendliche reflektieren: Unbewegtes wird mit Bewegtem verbunden und zu einer Einheit. Betrachtet man die Besetzung und Instrumentation dieses Werks genauer, so zeigt sich, dass Ligeti die Eigenheiten und Effekte eines Streichinstruments bewusst nutzt, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. In einer sogenannten «Scordatura» spielen zwei Gruppen um einen Viertelton verschoben. Aufgrund winziger Ungenauigkeiten in der Intonation, die beim Greifen der Saiten entstehen, sind jedoch fast nie exakte Vierteltonabstände zu hören. Vielmehr bewegt sich die Musik durch kleine, gewollte Zufälle näher zur Mikrotonalität. Diese Technik ist neu bei Ligeti. Zwar bewegte er sich in seinem Orgelwerk «Volumina» teilweise in abweichenden Tonalitäten, bei «Ramifications» jedoch befindet sich das gesamte Werk in einem sogenannten hyperchromatischen harmonischen Denken, das heisst, zwei verschiedene Grundharmonien gibt, die aber sehr nahe beieinanderliegen. Ligeti bezeichnete dies als «haut goût» oder als Verwesung, die in die Musik eingezogen ist.

Text: Amalia Vasella