Ludwig van Beethoven (1770–1827)

Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60

Palais Gallas (heutiges Palais Lobkowitz) Ansicht von Wien um 1740 (Ausschnitt).
(Quelle: Johann Adam Delsenbach, via Wikimedia Commons).

Die 4. Sinfonie von Ludwig van Beethoven steht im heutigen Konzertwesen oft im Schatten der kurz zuvor entstandenen 3. Sinfonie, der sogenannten «Eroica», und der kurz danach komponierten 5. Sinfonie, auch bekannt als die «Schicksalssinfonie». Beethoven komponierte die 4. Sinfonie vermutlich im Sommer 1806, einer der produktivsten Phasen seines Schaffens. Bereits nach Vollendung der 3. Sinfonie im Jahr 1804 begann er, Skizzen zur 5. und 6. Sinfonie, der «Pastorale», zu entwerfen. Auffallend ist, dass von der Vierten hingegen kaum solche überliefert sind. Anders als bei den gross angelegten Entwürfen zur «Eroica», zur Fünften oder zur «Pastorale» scheint Beethoven hier direkt und ohne umfangreiche Vorarbeiten an der Partitur gearbeitet zu haben. Erstmals erklang das Werk im Jahr 1807 im Palais seines Förderers Fürst Lobkowitz. Gewidmet ist die Sinfonie jedoch nicht dem Fürsten, sondern dem Reichsgrafen von Oppersdorff. Diesem sollte ursprünglich die 5. Sinfonie gewidmet werden, und er hatte bereits einige Anzahlungen geleistet. Erhielt man damals die Widmung eines Komponisten, so galt neben der Namensnennung im Titel auch das alleinige Aufführungsrecht für mehrere Monate. Aus der Not heraus verkaufte Beethoven die ihm versprochene 5. Sinfonie jedoch an Fürst Lobkowitz, woraufhin Oppersdorff als Entschädigung die 4. Sinfonie gewidmet bekam.

Per aspera ad astra

Auf den ersten Höreindruck wirkt die 4. Sinfonie erstaunlich klassisch im Sinne einer ausgewogenen Form, ihrer klaren Proportionen und der transparenten Instrumentation. Sie ist für das kleinste Orchester besetzt, das Beethoven je in einer Sinfonie verwendete. Oft erscheint der Klang daher beinahe kammermusikalisch, vor allem im Dialog zwischen den Holzbläsern und Streichern. Die schnelle und klare Entstehung des Werks liess oft auf eine Art Rückschritt oder Entspannung im Schaffen Beethovens schliessen. Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch die Feinheiten und die Originalität der Musik auf. Wie in der 5. Sinfonie bewegt sich die Musik vom Dunkeln ins Licht – «per aspera ad astra» –, doch viel schneller als in der «Schicksalssinfonie». Nach der langsamen Einleitung in Moll, die an ein Requiem erinnert, entlädt sich die Spannung in einem kraftvollen Fortissimo im Allegro vivace. Nach dem dramatischen Adagio und dem lebhaften Scherzo wirkt das Finale leicht und verspielt. Durch die kleinen Verschiebungen und subtilen Änderungen in der Musik, beispielsweise in einem völlig neuen Aufbau des Scherzos, liegt das Revolutionäre nicht im Zentrum, sondern versteckt sich unter der klassischen Oberfläche der Sinfonie.

Die vierte Sinfonie ist ein Beispiel dafür, wie sich die Rezeptionsgeschichte über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg verändern kann. Mit der Vierten hat Beethoven noch viel mehr als mit den bis heute bekannteren Sinfonien den Nerv der Zeit getroffen. So hiess es in einer Kritik: «Den tiefen, starken Geist dieses Werkes seiner früheren schönsten Zeit zu schildern, hat die Sprache keine Worte.»

Text: Amalia Vasella