Guillaume Lekeu (1870-1894): Adagio pour quatuor d’orchestre

Fünf Fragen, fünf Antworten. Erfahren Sie hier die wichtigsten Fakten zu den Kompositionen des zweiten Abo-Konzerts der Zuger Sinfonietta.  

1. Wann und wo ist das Werk entstanden?

Guillaume Lekeu schrieb sein Adagio pour quatuor d’orchestre in einer für ihn äusserst produktiven Zeit. Er vollendete es am 28. April 1891 in Paris. Lekeu stammte eigentlich aus Belgien, aber seine Familie war drei Jahre zuvor in die französische Hauptstadt gezogen.  

2. Was erlebte der Komponist in dieser Zeit?

Der junge Komponist verfasste 1891 und darauf zahlreiche äusserst kreative Werke. Zum einen war er beflügelt durch eine Auszeichnung: 1891 wurde Lekeu zweiter Preisträger beim belgischen Prix de Rome. Zum anderen war er erschüttert, denn erst kurz zuvor war am 8. November 1890 sein Mentor, der französische Komponist und Organist deutsch-belgischer Abstammung César Franck, an den Folgen eines Unfalls mit einem Pferde-Omnibus gestorben. Franck gilt als einer der bedeutendsten französischen Pädagogen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das plötzliche Ableben Francks war ein harter Schlag für den jungen Musiker. « Je ne veux pas être l’élève d’autre musicien que le père Franck » («Ich will nicht der Schüler eines anderen Musikers sein als der des Vaters Franck») hielt Lekeu danach fest. Er überlegte sogar, ob er seine Musikerkarriere an den Nagel hängen sollte. Zum Glück kam es anders: Der französische Komponist und Musiktheoretiker Vincent d’Indy – auch ein Franck-Schüler – half ihm aus der Krise und wurde für Lekeu nicht nur ein Berater, sondern auch ein Freund. Die Trauer um Franck scheint im Adagio pour quatuor d’orchestre dennoch spürbar zu sein… 

 

3. Wann wurde das Werk uraufgeführt und publiziert?

1908 erschien das Werk als Lekeus Opus 3 beim Pariser Verlag Rouart et Lerolle im Druck – und damit 14 Jahre nach dem Tod des Komponisten, der im Alter von 24 Jahren an einer Typhus-Infektion verstorben war. Der Grund für seinen viel zu frühen Tod ist banal: Weniger Monate vorher hatte der junge Komponist in einem Restaurant ein Sorbet gegessen und sich dabei mit der tödlichen Krankheit infiziert. 

Zur Uraufführung kam das Adagio pour quatuor d’orchestre drei Jahre nach Lekeus Tod am 29. April 1894 im Salle d’Harcourt in Paris. Und wer leitete die Darbietung? Natürlich Lekeus grösster Befürworter und Förderer: Vincent d’Indy.  

4. Wem ist das Werk gewidmet?

Das Adagio pour quatuor d’orchestre trägt keine Widmung. Auch sonst finden wir in den überlieferten Quellen wie Briefen usw. keine Hinweise darauf, was Lekeu zu der Komposition inspiriert haben könnte. Den Beginn der Partitur ziert jedoch das Motto «Les Fleurs pâles du Souvenir» («Die blassen Blumen der Erinnerung») – und damit die letzte Zeile aus dem Gedicht «Nevermore» aus der 1888 publizierten Sammlung «Les Paradis» des französischen Schriftstellers und Dichters Georges Vanor (Pseudonym:  Richard van Ormelingen). Diese Inschrift lässt darauf schliessen, dass Lekeus Orchesterquartett in Andenken an seinen hochverehrten Lehrer César Franck entstanden ist. 

5. Was sollte man über die Musik wissen?

In Lekeus Kompositionen findet sich auf gewisse Weise seine traurige Biografie wieder. Dementsprechend sind sie oftmals sehr emotional, aufwühlend, melancholisch und scheinen um das Thema «Tod» zu kreisen. Sein musikalischer Stil und sein früher Tod brachten ihm posthum auch den Beinamen «Rimbaud der Musik» ein. 

Dieser Hang zur Düsterkeit und Melancholie findet sich im 12-minütigen Adagio pour quatuor d’orchestre wieder. Lekeu liess ein klagendes Hauptthema mehrmals durch das gesamte Streicherensemble wandern und abwechselnd von Solist*innen (Violine, Viola und Violoncello) spielen. Die Düsternis wird jedoch auch gebrochen: Eine Solovioline bringt leichtere Klänge. Eine Erinnerung an glücklichere Tage? Schnell scheint diese wieder zu verblassen: Lekeu schrieb keine Musik, die sich – per aspera ad astra – vom Dunkel zum Licht entwickelt. Nein, sein Adagio endet mit dem gleichen Gefühl von Einsamkeit, wie es begonnen hat. Nach der Uraufführung charakterisierte ein Rezensent des «Guide musical» das Werk passend: « Les voix émues du violon et du violoncelle s’élèvent magistralement sur la trame orchestrale, dessinant une sorte de marche funèbre. » («Die bewegten Stimmen der Violine und des Cellos erheben sich meisterhaft über dem Orchesterrahmen und zeichnen eine Art Trauermarsch.») Für d’Indy muss es sich bei der posthumen Uraufführung jedoch nicht wie ein Trauermarsch für Franck, sondern für Lekeu angefühlt haben… 

Hör- und Leseprobe gefällig?

Lesen Sie die Noten, während Sie einen Eindruck durch die Einspielung gewinnen.